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Wenige Sendungen sind so umstritten wie die TV-Sendung "Die Super Nanny". Millionen Zuschauer bescheren RTL beste Einschaltquoten, doch bei vielen Fachleuten stößt die Reality-Show auf erhebliche Bedenken. So kritisiert der Deutsche Kinderschutzbund die autoritären Erziehungsmethoden der Super Nanny. Diese ließe die komplexen Ursachen kindlicher Verhaltensauffälligkeiten außer Acht und befriedige stattdessen die weit verbreitete Sehnsucht nach schnellen pädagogischen Lösungen. Nachfolgend liste ich einige Kritikpunkte aus meiner Sicht als Erziehungswissenschaftlerin und Psychologin auf.
Die Familie sollte ein geschützter Bereich sein, d.h. ein Ort, an dem man Dinge sagen und tun kann, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Hält sich ein Fernsehteam für zwei Wochen in einer Familie auf, wird das Zuhause zur Bühne. Emotionale Ausnahmesituationen sind für Außenstehende ganz besonders interessant. Daher werden sie bevorzugt gefilmt und nachfolgend wiederholte Male im Fernsehen gezeigt. Was geht in einem Kind vor, das von Freunden, Nachbarn oder Bekannten auf seine medialen Wutanfälle angesprochen wird? Wie werden Außenstehende künftig über dieses Kind denken? Diese Form der Zurschaustellung ist mit der kindlichen Würde nicht vereinbar.
In der Sendung "Die Super Nanny" werden Mütter vor den Augen und Ohren ihrer Kinder belehrt. Die Kinder erleben, wie eine fremde Person in das Leben der Familie tritt und dieses in einer zweiwöchigen Hauruckaktion umkrempelt. Die Gespräche zwischen der Mutter und der Super Nanny weisen eine klare Hierarchie auf: hier die inkompetente Mutter, da die besserwissende Diplom-Pädagogin. Fähigkeiten und vergangene Erfolge der Mutter sind zweitrangig, finden meist keine Erwähnung. Diese einseitige Darstellung untergräbt die natürliche Autorität der Mutter. Wie wird das Kind sie noch ernst nehmen können?
Die Super Nanny hat ein verhaltenstherapeutisches Kochbuch im Gepäck, aus der sie stets die gleichen Erziehungsrezepte auswählt: einen guten Schuss Tagesstruktur, zwei Messbecher Punkteplan und ganz viel Auszeit, die notfalls gegen den Willen des Kindes und unter Einsatz des ganzen Körpers durchgesetzt wird. Dabei wird nicht hinterfragt, ob diese Techniken zu den Werten der Familie passen. Sie werden schlicht verordnet, ganz so, als sei dies die einzig sinnvolle Antwort auf das auffällige Verhalten eines Kindes. Hier fehlt ein einfühlsamer, individueller, die Vorstellungen der Eltern respektierender Ansatz.
Die Verhaltensweisen des Kindes werden nur unzureichend in Beziehung gesetzt zu den Verhaltensweisen der übrigen Familienmitglieder, der Nachbarschaft, der Erzieherinnen und Lehrerinnen. Selten kommt der Vater zu Wort, noch seltener das Kind selbst. Verhalten wird isoliert betrachtet und dargestellt: Das Kind verhält sich nicht wie erwartet, also muss mit ihm etwas nicht stimmen. Die Mutter wird kaum dazu angeregt, ihr eigenes Verhalten zu reflektieren und den Ursachen des kindlichen Widerstands auf die Spur zu kommen. Dabei geht es nicht darum, wer schuld an der momentanen Situation ist, sondern vielmehr darum, wie jeder Einzelne zu einem schöneren Zusammenleben beitragen kann.
Die erste Amtshandlung der Super Nanny ist stets die Aufstellung eines umfangreichen Regelwerks, das der Familie in Form von Tages- und Punkteplänen aufgedrückt wird. Strukturen sind wichtig, doch muss dabei stets berücksichtigt werden, ob die Eltern willens und in der Lage sind, die Einhaltung von Regeln zu kontrollieren und sich auch selbst an sie zu halten. Wenn Fachleute aus beratenden Berufen Eltern überfordern, schaden sie mehr als sie nützen. Es gibt nicht nur die eine richtige Erziehung: Greifen Eltern Tipps nicht auf, sind nicht die Eltern schlecht, sondern die Tipps. Besser als Anordnen ist gemeinschaftliches Aushandeln von Regeln. Der Vorteil: Alle Beteiligten erleben sich als handlungsfähig und den neuen Regeln verpflichtet.
Erkennen Eltern ihre Erfolge, Fähigkeiten und Ressourcen, können Sie Mut, Zuversicht und Ideen für künftige Herausforderungen entwickeln. Im Vertrauen auf ihre Erziehungskompetenzen werden sie zunehmend unabhängiger von Beratern und Therapeuten. Ziel von TV-Erziehungsshows ist jedoch nicht die Aktivierung der Selbstheilungskräfte der Eltern, sondern die Darstellung der Super Nanny als Problemlöser: Eine Intervention gilt als geglückt, wenn die Mutter die Kniffe der Beraterin zumindest im Ansatz übernimmt. Es ist fraglich, ob Mütter so noch authentisch und spontan handeln können. Ein Kind merkt sofort, ob seine Mutter wirklich meint, was sie sagt oder ob sie sich nur eine schlecht passende Jacke angezogen hat. Echte Hilfe muss an den Werten, Kompetenzen und Wünschen der Eltern ansetzen. Alles andere entmündigt.
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Christine Falk-Frühbrodt, M.A.
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