Sie sind hier: www.ads-kurse.de > Post von Eltern > Sabine M.
Mein Junge war nie wie die anderen Kinder. Früher hat mich das belastet, heute bin ich ein wenig stolz darauf. Er war immer der Wildeste: Regeln schien es für ihn nicht zu geben. Er fuhr schnell aus der Haut, ließ sich nichts sagen, "schwer erziehbar" sagte manche. Als mir seine Vorschullehrerin mitteilte, Jakob wäre "irgendwie nicht normal", traf mich das wie ein Schlag. Ich war beleidigt und beunruhigt zugleich. Heute sehe ich das Ganze gelassener: Normal ist, was die Mehrheit für normal hält. Es ist nicht mehr und nicht weniger als ein Mittelwert - und Mittelmaß war mein Kind nie.
Der gegenwärtige Trend zur Normierung macht mir Angst: Kinder, die nicht sind wie die anderen, werden gnadenlos durchtherapiert. Und alle verdienen daran: Ärzte, Therapeuten und zunehmend die Pharmaindustrie. "Anderssein" ist zu einer lukrativen Einnahmequelle geworden. Geschieht dies alles im Interesse unserer Kinder? Was werden sie sagen, wenn sie groß sind? Werden sie dankbar sein oder uns verfluchen?
Rückblickend muss ich sagen, dass es die permanente Unruhe meines Kindes war, die mich am meisten belastete. Woher er die hatte, ist mir heute noch ein Rätsel. Ich bin eher ruhig, Jakobs Vater auch. Diese unterschiedlichen Temperamente in unserer Familie waren eine Belastung für uns alle. Irgendwie passten wir nicht zueinander. Als uns der Kinderarzt sagte, Jakob wäre hyperaktiv, meinten wir, endlich eine Erklärung zu haben. Dann aber kamen uns Zweifel: Wie konnte ein Mensch, der unser Kind nur kurze Zeit erlebt hatte, zu dieser Einschätzung kommen? Können Eltern unterscheiden, ob ihr Kind hyperaktiv ist oder ob es ihnen nur so erscheint? Wie soll das dann ein Fremder schaffen? Ich war hin und her gerissen. Wie konnte ich, die keine medizinische Ausbildung hat, diese Diagnose anzweifeln? Heute weiß ich, dass die Zweifel berechtigt waren. Hyperaktivität liegt im Auge und damit im Ermessen des Betrachters. Jeder legt die durch seine eigene Erziehung geprägten Maßstäbe an: Ist Zappeln krankhaft oder typisch für Kinder? Wie unruhig darf ein Kind sein, wie laut, wie auffällig? Es gibt keinen Test, mit dem man Hyperaktivität nachweisen kann. Die Fragebögen, die von den Eltern, Erzieherinnen oder Lehrern ausgefüllt werden sollen, geben doch nur wider, wie stark der Leidensdruck bei den anderen ist. Das Kind fühlt sich meist wohl, wie es ist. Wie komme ich dann dazu, mein Kind für krank erklären zu lassen?
Das Rezept, das uns der Arzt noch am selben Tag ausstellte, haben wir nie eingelöst. Warum sollte unser Kind Medikamente bekommen, wenn wir Eltern es waren, die Probleme hatten? Mein Junge empfand sich nicht als krank. Er war so, wie er immer war, eben Jakob - ein Unikat, ein ganz besonderes Kind. Ich habe nie geglaubt, dass eine unheilbare Störung im Hirnstoffwechsel die Ursache für Jakobs Verhalten ist. Jakob ist heute viel ruhiger und aufmerksamer. Wie kann man da von Unheilbarkeit sprechen? Und Hirnstoffwechselstörungen werden auch bei Depressionen oder bei der Schizophrenie angenommen, aber ob diese Störungen in den Genen liegen oder durch äußere Umstände ausgelöst werden, darüber scheiden sich die Geister. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte: Manche Menschen tragen entsprechende Anlagen, erkranken aber nur, wenn belastende Lebensumstände hinzukommen.
Medikamente mögen für manche Kinder eine Möglichkeit sein, aus einer zugespitzten Situation hinaus zu kommen, eine Art Notbremse, wenn schnelles Handeln erforderlich ist. Für unsere Familie musste es einen anderen Weg, eine echte Lösung geben. Die Suche hat sich gelohnt.
Zappeligkeit kann eine Reihe von Ursachen haben: Manchmal ist es das Temperament, die Anlage, die aus manchen Kindern Schlafmützen und aus anderen Wildfänge macht. Ebenso können Müdigkeit und Hunger motorische Unruhe auslösen. Bei unserem Sohn war es dann besonders heftig. Sorgen, Konflikte in der Familie und ein nicht auf die Bedürfnisse des Kindes abgestimmter Erziehungsstil können ebenfalls Unruhe stiftend sein. Wahrscheinlich spielt auch die Ernährung eine Rolle. Jakob ist ruhiger geworden, seitdem wir auf Zucker weitgehend verzichten.
Die Ursachen für Hyperaktivität und anderes für ADS typisches Verhalten sind vielfältig. Daher kann es auch nicht eine Standardlösung geben. Uns war ein Elterntraining zum Thema ADS eine große Hilfe. Wir haben Eltern mit ganz ähnlichen Sorgen und Fragen kennen gelernt, eine Menge gelernt und erarbeitet. Manche Kinder kann man einfach nicht "nach Versuch und Irrtum" erziehen. Unser Jakob gehört dazu. Was uns am meisten geholfen hat: Wir haben gelernt, Jakob so zu nehmen, wie er ist. Wir versuchen nicht mehr, ihn zu verbiegen, um ihn den "normalen" Kindern möglichst ähnlich zu machen. Wir strafen weniger. Wir begrenzen seine Freiheiten nur dort, wo unsere Bedürfnisse beeinträchtigt werden: Wenn er unbedingt wie ein Ferkel essen möchte, dann darf er das auch - aber in seinem Zimmer, damit er uns den Appetit nicht verdirbt. Wir haben unser Verhalten Jakob gegenüber grundlegend verändert. Und Jakob? Der ist viel liebe- und verständnisvoller geworden. Wir respektieren seine Bedürfnisse und er unsere, meist jedenfalls.
Ich bin davon überzeugt, dass die Ursachen für kindliche Verhaltensauffälligkeiten nicht allein im Gehirn des Kindes zu finden sind. Wer Lösungen sucht, muss seinen Blick erweitern: Bekommen Kinder wirklich grundlos Wutanfälle? Müssen nur unsere Kinder an sich arbeiten oder gibt es auch bei uns Entwicklungspotenziale? Haben Eltern immer Recht? Die Suche nach individuellen Lösungen, nach einem neuen Umgang mit dem eigenen Kind, lohnt sich! Machen Sie sich auf den Weg - Sie können nur gewinnen!
E-Mail-Kontakt |
Inhaltsverzeichnis |
Nutzungsbedingungen
Christine Falk-Frühbrodt, M.A.
www.ads-kurse.de |
www.iflw.de |
www.asperger-kinder.de
| www.elterntrainer.de