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Zu viele Bilder, Eindrücke, zuviel Spielzeug, zuviel Geschirr, zu viele Auswahlmöglichkeiten, Zeitschriften, Fernsehsender, Bücher, Interessen, Themen, Meinungen und Erwartungen - der Nachteil unserer erweiterten Welt.
Alle Handlungen sind verwoben im Ablaufen von systematischen, ineinander greifenden Prozessen, wir funktionieren mehr als wir leben. Die Bandbreite der Möglichkeiten überfordert uns alle. Entweder wir greifen uns einen kleinen, überschaubaren Teil heraus und wollen den Rest nicht mehr wissen, erfahren, erleben oder wir versuchen, alles mitzukriegen. Der Zeitplan, der unser aller Leben diktiert, wird immer enger.
Es gibt eine Konformität, die das System Gesellschaft fördert, da es sonst nicht funktionieren könnte. Die Zergliederung industrieller Fertigungsprozesse in gleich bleibende Einzelschritte hat sich längst auf alle Lebensbereiche ausgedehnt: die Verwaltung/Bürokratie, das Schul- und Bildungssystem, der Haushalt, die Familie. Diese Zersplitterung des Ganzen führte auch zu einem Übermaß an Vielfalt des einzelnen Teils. Man denke nur an die Formularflut zu einem einzigen kleinen Teilbereich der Bürokratie.
Alles innerhalb eines vorgegebenen Rahmens ist zwar normal, aber jede Annäherung an einen der beiden Randwerte nährt Befürchtungen, nicht normal zu sein. Der Durchschnitt ist das Maß. Dies zeigt sich schon im Vergleich der Apgar-Werte der Neugeborenen: Das Raster als Standard zieht sich über Größen/Gewichts-Kurven, Kopfumfänge durch die U-Hefte. Durchschnittswerte wie z.B. Krabbelphase zwischen 7 und 9 Monaten, Zischlaute sprechen können mit ca. 4 ½ - 5 Jahren, schulfähig mit 6 Jahren etc. werden zur Maxime. Kinder, die nicht den Vorgaben entsprechen, werden zu Krankengymnastik, Logopäden, Psychologen etc. gebracht, um ja kindgemäße Entwicklung zu sichern.
Die einschneidenste Veränderung für die Kinder kommt mit dem Schuleintritt: Alle sollen im ersten Schuljahr schreiben, lesen und im Zahlenraum bis 20 rechnen können. Die Schrift soll druckreif sein, das Lesen hörbuchreif, das mathematische Wissen soll abrufbar sein, wie vom Computer.
Wer nicht schnell genug ist, fällt aus der Norm. Wer schneller ist, ist vorlaut. Wer nicht mitmacht, ist Außenseiter.
Wer eine Frage beantworten kann, bevor sie zu Ende gestellt ist, wird entweder die Erfahrung machen, dass so manche Frage langweilig ist oder feststellen, dass zu schnelles Antworten auch daneben gehen kann. Wer diese Erfahrung macht, kann lernen abzuwarten, ob die Frage wirklich so lautet, wie man sie erwartet. Wer nicht ein paar Mal daneben lag, wird diese Erfahrung nicht machen.
Aber gerade diese Fähigkeiten, die Schnelligkeit, die Kreativität, die Nonkonformität, das Quer- und Andersdenken hat die Wissenschaftler, Erfinder, Literaten, Künstler und anderen, Fortschritte entwickelnden Personen geprägt. Ohne diese Außenseiter hätten wir heute eine andere Normalität.
Zu diesen Fähigkeiten gehört auch die Umsicht. Wer um sich sieht und um sich herum viele Eindrücke erkennt, verarbeitet und umsetzt, der kann komplex denken.
Die zunehmende Aggressivität von Kindern dürfte mehrere Ursachen haben:
Zunächst einmal testen Kinder in jedem Lebensalter immer wieder das Bestehen von Grenzen und Regeln aus, die Allgemeinverbindlichkeit des Rahmens, in dem sie leben. Je jünger sie sind, desto heftiger sind ihre emotionalen Reaktionen.
Viele werden aber schon in der so genannten Trotzphase daran gehindert, ihre Wut auszuhalten, ihre Aggressionen in den Griff zu bekommen. Es wird zu schnell eingegriffen, sei es, weil diese Ausbrüche sich vornehmlich vor Publikum abspielen und unerträglich peinlich für die beteiligten Erwachsenen sind oder weil die Wut der Kinder für die beteiligten Erwachsenen nicht auszuhalten ist. Es gehören eine Menge Nerven dazu, eine öffentliche Auseinandersetzung mit einem Kind zu führen, ohne sich von der Missbilligung des Publikums beeinträchtigen zu lassen.
Kinder können im heute herrschenden Wohn- und Lebensumfeld nur noch begrenzt toben, klettern und somit die Grenzen ihrer eigenen Körperlichkeit und Kräfte nicht mehr erfahren.
Sie werden ruhig gestellt, damit sich die Nachbarschaft nicht am Lärm stört, damit es den erziehenden Erwachsenen nicht peinlich sein muss, wie die Umgebung auf Kinder reagiert.
Zum Zweiten ist emotionales Verhalten in unserer Gesellschaft tabuisiert. Gefühlsausbrüche sind peinlich, lächerlich (Veronika Feldbuschs öffentliche Tränen) bis angsterregend (Gewaltkriminalität).
Wer aber nicht lernt, mit seinen Gefühlen umzugehen, sie auszuhalten, sie zu lenken, zu bremsen, statt mit Gewalt mit Worten auszudrücken, offen Auseinandersetzungen zu führen, statt hintenrum gemein zu werden etc., der wird auch als Erwachsener nicht in der Lage sein, seine Aggressionen zu beherrschen oder er hat schon als Kind gelernt, seine Wut herunter zu schlucken und gegen sich selbst zu richten.
Kleinkinder im Sandkasten, die ihr Spielzeug mit Hauen verteidigen (weil sie es schlicht noch nicht anders können), werden sofort gebremst, wenn nicht von der eigenen Mutter, dann von der des Opfers. Wer es ertragen kann abzuwarten, wie das Opfer reagiert, kann feststellen, das dieses durchaus in der Lage ist, sich selbst relativ angemessen zu wehren. Diese ersten Schritte der Kinder, Konflikte auszutragen und zu "lösen" bedürfen zwar Anleitung, aber nicht zwingend ein vorauseilendes Eingreifen.
Die Masse an Dingen, von denen wir umgeben sind, trägt viel dazu bei, dass wir Schwierigkeiten haben zu unterscheiden, was wesentlich und unwesentlich ist. Im gleichen Maße betrifft das auch die interessanten Themen dieser Welt. Wir haben längst den Überblick verloren zwischen den vielen oft unerledigten Alltäglichkeiten und den Interessen, die wir glauben nicht verpassen zu dürfen. Die Strukturierung, die notwendig ist, um die Masse auszuhalten, ist schwierig zu entwickeln, erst recht für Kinder.
Die Chaosforschung hat festgestellt, was die griechische Mythologie schon umschrieb: Aus dem Chaos entstand die Ordnung. Diese Ordnung entwickelt sich zwar nicht von selbst, aber mit Sicherheit auch nicht aus zu viel Vorschriften, die nur als zusätzliches Chaos empfunden werden können.
Die Anzahl der psychosomatischen Erkrankungen hat entweder zugenommen oder die medizinische Forschung findet einfach immer mehr Zusammenhänge zwischen körperlichen Erkrankungen und seelischem Missbefinden heraus. Vielleicht ist ADS nichts weiter als eine weitere Form, mit der eine Gruppe von Menschen gegen einen für sie zu engen Rahmen rebelliert.
Lässt man mal außen vor, welche neurologischen Vorgänge zu welchen Reaktionen oder eben Nicht-Reaktionen beim ADSler führen; klammert man mal aus, welche Therapiemöglichkeiten es für den jeweiligen Betroffenen geben kann; fragen wir uns doch einfach mal, ob die Welt, in die wir gepresst sind, uns so gefällt und ob wir nicht versuchen können zu akzeptieren, dass es bestimmte Menschen gibt, die weder krank, noch die Volksgesundheit gefährdende Psychopathen sind und trotzdem anders als andere! Wir müssten uns nur eingestehen, dass wir für diese Verschiedenartigkeit der Menschen auch Raum schaffen müssen.
Niemand würde einem Diabetiker vorwerfen, dass er Insulin spritzt oder - falls es medizinisch vertretbar ist - versucht, ohne Medikamente auszukommen. Niemand würde einem von einer Fehlfunktion der Schilddrüse Betroffenen vorwerfen, dass er Jod bzw. Thyroxin einnimmt oder eben nicht. Wer nicht in der Situation steckt oder entsprechend ausgebildet ist, hat keinem Betroffenen vorzuwerfen, er gebe bzw. nehme Ritalin. Außer der genannten Gruppe hat nämlich keiner, der damit nichts zu tun hat, auch nur ansatzweise genügend Ahnung, wovon er spricht.
Ich weiß nicht, ob wir ADS haben oder nicht. Es gibt durchaus einige Symptome, die den Verdacht zulassen, sowohl genetische, als auch bestimmte Verhaltensauffälligkeiten und die genannte Sensibilität und Kreativität. Der geringe Teil Literatur, die ich zu diesem Thema bisher gelesen habe, lässt mich davor zurückschrecken, eine Diagnose stellen zu lassen. Die Informationen und Hilfestellungen, die ich über die Literatur erfahren habe, geben mir aber einen Rahmen, in dem ich versuchen kann, unser Chaos zumindest einzudämmen. Und solange wir für uns Wege finden können, in diesem gesellschaftlichen Rahmen mit uns klar zu kommen, werde ich wohl auch nicht wissen wollen, ob wir "betroffen" sind oder nicht. Ich versuche, die positiven und negativen Eigenschaften von uns allen anzunehmen, auszuhalten und gemeinsame Lösungen zu finden. Sollten wir alle ADS haben, liegt darin immerhin die Chance, dass wir uns untereinander verstehen, weil wir ähnlich sind.
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Christine Falk-Frühbrodt, M.A.
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